Sektionstagung der Kulturwissenschaftlichen Gesellschaft (KWG e.V.)

23.-25. September 2019 auf dem Campus Koblenz

Informationen zur Podiumsdiskussion

Wandel der Kommunikationskultur in der digitalen Demokratie

Podiumsdiskussion im Ludwig Museum Koblenz am 24.9.2019, 18 Uhr

Viele Menschen empfinden unsere Kommunikationskultur heute als aggressiver, ich-bezogener und weniger kompromissbereit. Insbesondere den sozialen Medien wird dabei ein besonderer Stellenwert zugeschrieben. Der Tübinger Medienwissenschaftler Prof. Dr. Bernhard Pörksen spricht sogar von einer „fünften Gewalt“. Die neuen Medien sollen etwa dafür verantwortlich sein, dass unsere Suchpräferenzen so ausgewertet werden, dass uns immer nur Ähnliches präsentiert wird, so dass sich unsere Vorurteile immer mehr erhärten und keine Erweiterung des Horizonts durch gegensätzliche Meinungen mehr möglich wird. Im Schutz der Anonymität zeigen sich auch die dunklen Seiten des Menschen, beispielsweise in einer respektlosen, vulgären Ausdrucksweise oder auch in kaum für möglich gehalten Hassbotschaften, Lügen oder Verunglimpfungen, die von Angesicht zu Angesicht so nie geäußert worden wären. Dies führt zu einem Verlust von Empathie und Kompromissbereitschaft. Wenn Demokratie nun eine politische Form ist, die im Wesentlichen von verschiedenen Interessen lebt, die sich frei artikulieren, in ihrem Dissens austauschen und verständigen können, um daraus Kompromisse zu schließen, könnte der digitale Kommunikationswandel auch eine Gefahr für die Demokratie bedeuten. Neuere Arbeiten wie die Studie „Radikalisierungsmaschinen“ von Julia Ebner zeigen auch, dass sich politische Gruppierungen insbesondere der rechtsextremen und der islamistischen Szene zunehmend im Netz organisieren, um gezielt die Demokratie und die demokratische Kultur zu destabilisieren. Teil dieser Destabilisierung sind kollektive Drohungen und Einschüchterungen von Einzelpersonen. Diese werden im Netz im Namen der ‚Wahrheit‘ so weit diffamiert, dass eine immer größere Aggressivität ‚richtig‘ erscheint, mit der auch schlimmste Gewalttaten wie der rechtsextreme Mord am CDU-Politiker Walter Lübcke gerechtfertigt werden. Er war aufgrund seiner liberalen Flüchtlingspolitik von Erika Steinbach auf Twitter und Facebook angeprangert worden, was einige rechtsextreme Blogs in kollektiven Hassreden massiv verschärften, bevor der politische Mord verübt wurde.

Wie gehen nun Politiker und Journalisten mit dieser Situation um, und was könnten die Kulturwissenschaften beitragen, um diese aggressive Kommunikationskultur zu verstehen und eventuell Hinweise zu geben, wie wir die gegenwärtig bedrohliche Lage wieder zum Guten wenden können? Oder ist bereits diese Frage zu optimistisch formuliert? Wir haben prominente Persönlichkeiten eingeladen, die sich in der einen oder anderen Weise mit diesen Formen auseinandersetzen mussten.

Nicole Diekmann ist eine renommierte ZDF-Journalistin, die Anfang des Jahres 2019 nach einem ironischen Tweet einen massiven ‚Shitstorm‘ mit Morddrohungen und vielen weiteren aggressiv-diffamierenden Akten erlebte. Zugleich erfuhr sie aber auch große Unterstützung und Hilfe, um mit diesen Aggressionen umzugehen. In dieser digitalen Welle von negativen Emotionen entwickelte sie einen Kommunikationsstil, mit dem sie diese kritische Situation bestehen konnte, ohne selbst in ein unhöfliches, rüdes oder sonstwie aggressives Verhalten zu verfallen.

Dr. Andreas Hollstein ist christdemokratischer Kommunalpolitiker, Bürgermeister der Stadt Altena. Er wurde wegen seiner liberalen Flüchtlingspolitik Opfer eines Messerangriffs und erhielt auch nach dem Tod von Walter Lübcke immer wieder Morddrohungen. Dr. Andreas Hollstein steht für einen Kommunalpolitiker, der sich trotz andauernder rechtsextremistischer Gewaltandrohung in seiner Politik nicht beeindrucken lässt und einen „pragmatischen Zugang“ zu diesem Thema favorisiert.

Stefan Schulz ist im Themenfeld Neue Medien sowohl Praktiker als auch Wissenschaftler. Als Soziologe besitzt er ein wissenschaftliches Verständnis von der sich wandelnden Kommunikationskultur durch Digitalisierung, als Praktiker gestaltet er die Welt der sozialen Medien selbst mit, als innovativer Blogger und Journalist.

Professorin Dr. Konstanze Marx (Universität Greifswald) ist eine der bekanntesten Internetforscherinnen, insbesondere zum Thema Gewalt und Aggression.

Die Moderation übernimmt Prof. Dr. Wolf Andreas Liebert, Sprach- und Kulturwissenschaftler an der Universität in Koblenz. Er ist Mitbegründer der Kulturwissenschaftlichen Gesellschaft und Redaktionsleiter der Kulturwissenschaftlichen Zeitschrift.

Diese Veranstaltung ist öffentlich und kostenfrei. Alle interessierten Bürgerinnen und Bürger sind dazu eingeladen.

Ansprechpartner: Prof. Dr. Wolf-Andreas Liebert: liebert@uni-koblenz.de

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